Radio3 Atelier Talk
Was ist Zeit? Das, was wir erleben – oder nur, was wir messen?
Guests
Alicja Kwade
Fiete Stolte
Dr. Torben Ott
July 03, 2026
7 PM – 8 PM
Wienerstraße 10, 10999 Berlin
Fünf Minuten auf dem Riesenrad, fünf Minuten bei der Wurzelbehandlung beim Zahnarzt – dieselbe Zeit, zwei völlig verschiedene Welten. Was Zeit wirklich ist, glauben wir alle zu wissen. Und doch entzieht sie sich: Sie dehnt sich, verdichtet sich, scheint manchmal stillzustehen. Uhren und Kalender geben ihr eine Ordnung – aber was davon spielt sich in uns ab, in unserem Gehirn, in unserer Wahrnehmung? Und was würde sich verändern, wenn wir sie anders messen würden?
In der neunten Ausgabe des radio3 Atelier Talks spricht Moderatorin Siham El-Maimouni darüber, wie wir Zeit erleben, messen und bewerten. Ist Zeit eine objektive Größe – oder ein kulturelles Konstrukt? Wie entsteht unser Gefühl für Dauer, Tempo und Zukunft? Warum erscheint uns dieselbe Zeitspanne einmal endlos und ein anderes Mal wie ein Augenblick? Und wie entscheiden wir eigentlich, ob Zeit „gut investiert“ oder „verloren“ ist?
Der radio3 Atelier Talk verbindet wissenschaftliche und künstlerische Perspektiven. Zu Gast ist Dr. Torben Ott vom Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Bernstein Center for Computational Neuroscience Berlin. In seinem Forschungsprojekt „Timevalue“ untersucht er, wie das Gehirn entscheidet, welchen „Wert“ Zeit hat. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum wir bestimmte Zeitabschnitte als angenehm oder sinnvoll erleben und andere als verschwendet oder belastend – obwohl objektiv dieselbe Zeit vergeht. Dabei geht es auch darum, wie unser Gehirn kurzfristige und langfristige Entscheidungen gegeneinander abwägt und wie biologische Prozesse unser Zeitempfinden prägen.
Außerdem spricht Siham El-Maimouni mit der international renommierten Konzeptkünstlerin Alicja Kwade. Die in Berlin lebende Künstlerin zählt zu den wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Kunst. Ihre Arbeiten waren unter anderem auf der Biennale von Venedig, in der Schirn Kunsthalle Frankfurt sowie im Metropolitan Museum of Art in New York zu sehen. In ihren Installationen und Skulpturen untersucht sie, wie wir Realität ordnen und vermessen – und stellt diese Ordnungen immer wieder infrage. Dabei spielt auch der Blick auf den Kosmos eine zentrale Rolle: Sie arbeitet mit Sternenkonstellationen, planetaren Maßstäben und astronomischen Modellen, um zu zeigen, wie relativ unsere Vorstellungen von Zeit und Raum sind. Immer wieder macht sie Zeit selbst zum Material – etwa indem sie Uhren zerlegt, vervielfacht oder gegeneinander laufen lässt. So stellt sich die Frage: Was bleibt von Zeit, wenn man ihre Messinstrumente demontiert?
Zu Gast ist auch der Künstler Fiete Stolte, der ein Jahr lang in seinem eigens entwickelten Zeitsystem lebte und arbeitete: In seinem Modell zählt die Woche acht statt sieben Tage, ein Tag hat 21 statt 24 Stunden. Was auf den ersten Blick wie ein gedankliches Experiment wirkt, zeigt in der Praxis, wie stark unser Alltag von gesellschaftlich vereinbarten Zeitstrukturen geprägt ist. Eine Woche mit sieben Tagen – wer hat das eigentlich festgelegt? Und muss es so bleiben?
Gemeinsam fragen sie: Was ist Zeit eigentlich? Wie entsteht unser Gefühl für Dauer, Tempo und Zukunft? Wie entscheidet unser Gehirn, welchen Wert Zeit hat? Wer bestimmt, wie Zeit gemessen und organisiert wird? Und wie können Kunst und Wissenschaft dazu beitragen, unseren Blick auf die vielleicht kostbarste Ressource unseres Lebens zu verändern?
Image:Alicja Kwade Pre-Position, 2024 Edelstahl, diverse Marmorsorten (Wasa, Macauba, Fantasy Brown, Rosa Portogallo, Masi, Halmstad, Carrara, Verde Guatemala, Alaska White, Alaska Red, Wondergrey, Schlesischer Marmor, Aurelio Antico, Rosso Norwegia), Titanium, Rinde Maße variabel Unikat Courtesy the artist and Almaty Museum of Arts Foto: Zhantore Bokeikhan